Archiv für Juni 2007

Die Bienenhüterin – Sue Monk Kidd

Verlag: BTB | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3442732814
Seiten: 352
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 09,00
ET: 04.2005

Lilys Mutter ist vor zehn Jahren umgekommen. Ihr Vater herrscht wie ein grausamer Rachegott über die inzwischen 14-jährige. Eines Tages flieht Lily aus der bedrückenden Atmosphäre ihres Elternhauses, wandert über die staubigen Straßen der Südstaaten, um ein neues Zuhause zu finden. Sie begegnet wunderbaren Menschen, rettet mit Mut und Klugheit ein Leben und findet bei drei Frauen Unterschlupf, die, wie im Märchen, in großer Eintracht zusammenwohnen. Die drei Schwestern geben dem Mädchen alles, was es braucht: Liebe, Halt, und Geborgenheit. Sie nehmen Lily in ihre Familie auf und weihen sie in die Geheimnisse weiblichen Wissens ein. Lily lernt alles über die Bienenzucht. Sie erfährt, wer ihre Mutter, die sie so schmerzlich vermisst, wirklich war, und sie verliebt sich. Doch eines Tages steht ihr Vater am Gartentor …

Meine Rezension

Die 14-jährige Lily haut ab nach Tibourn, South Carolina.
Warum?
Lily hat ihr Kindermädchen Rosaleen aus dem Krankenhaus entführt, nachdem diese verhaftet wurde. Grund ist das von Präsident Johnson gelockerte Bürgerrechtsgesetz , dass die Rechte der Schwarzen an die der Weißen angleicht. Und Rosaleen wollte direkt von diesem Recht gebrauch machen und sich in die Wählerlisten eintragen. Auf dem Weg in die Stadt gab es Zoff…und mit dem Zoff das Gefängnis.
Lily wird zwar von ihrem Vater T.Ray aus dem Gefängnis abgeholt, wird aber bitte bestraft: wie sooft muss sie Stunden auf Haufen von Gries knien.
Die Mutter kann ihrer Tochter nicht mehr helfen, denn diese starb bei einem von Lily verursachten Unfall. T.Ray erzählt ihr schon seit Jahren immer wieder Gemeinheiten über ihre Mutter nur um ihr weh zu tun. Also er ihr aber an diesem Abend erzählt, sie hätte sie – ihr eigenes Kind – verlassen, fasst Lily den Entschluss, Rosaleen aus dem Krankenhaus zu holen und ab zuhauen nach Tibourn. Dem Ort den ihre Mutter auf ein Bild einer schwarzen Madonna geschrieben hat.
Als sie dort eintrifft, steht sie schon bald vor dem rosa Haus. Dem Haus von Augusta Boatwright und ihren Schwestern und Lily´s Leben scheint nun eine glückliche Wende zu nehmen.

Die Bienenhüterin ist der Debutroman der amerikanischen Autorin Sue Monk Kidd.
Und es ist eines der seltenen Debuts die einen mitreißen und die begeistern.
Die Autorin vereint gekonnt Informationen über Bienen, die jedes Kapitel einleiten, gut gezeichnete Protagonisten, einen sensiblen Schreibstil und eine Story, in der jede Menge prikäre Elemente (der Tod der eigenen Mutter, Rassendiskriminierung und Gewalt in der eigenen Familie) vereint werde, ohne das eines davon zu sehr herausstechen oder gar unpassend wirken.
Dabei aber ganz wichtig: die 14-jährige Lily darf eine 14-jährige sein. Sue Monk Kidd kreiirt ihren Charakter ihrem Alter entsprechend: sie drückt und verhält sich weder altklug noch wie ein Kleinkind.
Einziges Manko: die ganze Geschichte wirkt wie aus einem Guss; nichts wird länger als nötig beschrieben und nichts zu kurz. Nur der Schluss wirkt im Gegensatz dazu leicht gehetzt und etwas unwirklich.
Allerdings mindert dies die Qualität und das Lesevergnügen nicht in Geringster weise.

Insgesamt ist der Roman ein Wohlfühlbuch, dass einem in eine andere Welt entführt und den Leser für ein paar Stunden den grauen Alltag vergessen lässt.

Fräulein Else – Arthur Schnitzler

Verlag: Fischer
ISBN: 978-3596291021
Seiten:
160
Ausgabe:
Taschenbuch
Preis:
€ 06,95
ET:
1987
Schon das Gestern verschwimmt, und alles, was ein paar Tage zurückliegt, bekommt den Charakter eines unklaren Traumes.” Arthur Schnitzler erzählt vom Fehlverhalten der Menschen, die, aus solchen Lebensgemeinschaften heraus, nicht davor zurückscheuen, die anderen, die gewissenhaften, zu opfern, wenn sie selbst sich allzusehr verstrickt haben.Arthur Schnitzler wurde am 15.5.1862 in Wien geboren. Bereits als Neunzehnjähriger versuchte er, seine erste Dramen zu schreiben. Nach dem Studium der Medizin war er Assistenzarzt an der Allgemeinen Poliklinik und dann praktischer Arzt in Wien, bis er sich mehr und mehr seinen literarischen Arbeiten widmete. Das dramatische und das erzählerische Werk entstanden parallel. Er starb am 21.10.1931 als einer der bedeutendsten österreichischen Erzähler und Dramatiker der Gegenwart in Wien.

Meine Rezension

Die 19-jährige Else ist eine reiche, verwöhnte Tochter aus gutem Haus und macht ein paar Tage Urlaub in Südtirol.
Sie genießt ihren Urlaub bis zu dem verhängnisvollen Abend, an dem sie einen Brief ihrer Mutter bekommt: ihr Vater, ein angesehener Advokat in Wien, hat Mandantengelder veruntreut und hat nun 30.000 Gulden Schulden.
Keiner seiner Verwandten will ihm das Geld leihen und so soll seine Tochter Else den momentan ebenfalls in Südtirol anwesenden Herrn von Dorsday um das Geld bitten.
Dieser ist gerne bereit Else das Geld zu geben, aber nur unter einer Bedinung: Herr von Dorsday hat bereits seit Jahren ein Auge auf die schöne Else geworfen und nutzt ihre Lage jetzt schamlos aus. Else soll sich ihm 15 Minuten nackt zeigen.

Keine von Arthur Schnitzler´s Novellen sorgte für so viel Aufregung wie Fräulein Else: sowohl positiv als auch negativ machte das Buch, das im Jahre 1924 in den Erstdruck ging, von sich reden. Die Erstauflage betrug 1924 25.000 Exemplare und bis ins Jahr 1929 mussten weitere 45.000 Exemplare nachgedruckt werden. Die Novelle wurde ins Französische und Amerikanische übersetzt und 1929 sogar mit Elisabeth Bergner verfilmt.
Doch der Erfolg der Novelle hatte auch seine Kehrseiten: 1925 schrieb ein Herr Hoeniger aus Ratibor, Schnitzler´s Novelle sei Schuld an dem Selbstmord seiner Verlobten. Diese muss wohl kurz zuvor Fräulein Else gelesen haben. Gisa Schnitzler, seine Schwester, bekam an einem Bahnhof mit, wie ein junger Mann meinte, dass Schnitzler´s Bücher an dem Selbstmord seiner Tochter Lili schuld seien und hält dabei Fräulein Else demonstrativ in die Höhe.

Mit Fräulein Else schneidet Schnitzler einmal mehr ein Tabuthema der damaligen Zeit an und stellt gesellschaftliche Formen in Frage und befasst sich einmal mehr – nach der Traumnovelle – mit der Psyche des Menschen.
Wie bereits in seiner Novelle Lieutenant Gustl verwendet Schnitzler die Erzähltechnik des stream of consiousness: der Leser erfährt nur über Elses Gedanken und Schilderungen über die Ereignisse, die Else in den Wahnsinn treiben. Dabei legt Schnitzler vor allem Wert auf ihre Gedanken und so tritt die Handlung in den Hintergrund, zeitweise scheint die Novelle gar keine Handlung zu haben.
Neben der Erzähltechnik schafft Schnitzler es einmal mehr mit seinem Talent Sprache richtig einzusetzen, dass der Leser den Zerfall von Else miterlebt: Schnitzler reiht gekonnt Hauptsatz an Hauptsatz und auch die Inhalte der Themen wechseln beinahe mit jedem Satz und als Else immer mehr an dem Konflikt zu zerbrechen droht, werden auch ihre Gedanken immer hektischer.

Insgesamt ist Schnitzler auch hier wieder ein Buch gelungen, dass seiner berühmten Traumnovelle in nichts nachsteht. Kurz und prägnant schildert er wie leicht es sein kann, an einem Konflikt, der für uns unlösbar scheint, zerbrechen können.
Schnitzler ist ein Autor der zwar vielen ein Name ist, aber dennoch viel zu selten gelesen wird und zu unrecht hinter klassischen Autoren wie Goethe oder Schiller verschwindet.

Die Seidenweberin – Ursula Niehaus

Verlag: Droemer Knaur | Leseprobe (.pdf)
ISBN: 978-3426662564
Seiten: 637
Ausgabe: Taschenbuch
Preis: € 16,95
ET: 05.2007

Köln im Mittelalter: Nach dem Tod ihrer Eltern wird die junge Fygen in die Obhut ihres Onkels gegeben, der bald ein Auge auf sie wirft. Nur der mütterlichen Sorge seiner Haushälterin ist es zu verdanken, dass sie seiner Begierde nicht zum Opfer fällt. Sie wird zu ihrer Tante Mettel geschickt, bei der sie das Handwerk einer Seidenweberin erlernen soll. Doch Mettel entpuppt sich als grausame und ungerechte Lehrherrin, die alles daransetzt, Fygen das Leben zur Hölle zu machen – vor allem als sich herausstellt, dass eine begabte Seidenweberin in ihr steckt. Allen Widerständen zum Trotz wächst Fygen zu einer mutigen jungen Frau heran, die keine Auseinandersetzung scheut – nicht mal mit Peter Lützenkirchen, dem wortgewandten Vorsitzenden des Seidamts …

Meine Rezension

Fygen lebt nach dem frühen Tod ihrer Eltern bei ihrem Onkel Mathys und fängt eines abends an ihr nachzustellen. Nur der Haushälterin Lijse, die für Fygen wie eine Mutter ist, ist es zu verdanken, dass er Fygen nicht weiternachstellen kann: sie schickt Fygen zu ihrer Tante Mettel nach Köln, damit sie dort das Seidenhandwerk lernt.
Fygen ist zwar von Anfang an fasziniert von den Stoffe, doch enpuppt sich ihre Tante und ihre Tochter als wahre Drachen.
Erst als ihre Freundin Kathryn die Lehre abschließt wechselt Fygen die Lehrherrin und ein neues Leben beginnt für sie: Fygen heiratet den Seidenamtsvorsitzenden Peter Lützenkirch, baut sich ihre eigene Werkstatt auf und wird eine selbstbewusste Geschäftsfrau.

Die Seidenweberin ist der Debutroman der aus Köln stammenden Autorin Ursula Niehaus.
In dem Roman befasst sich die Autorin mit einer ihrer Leidenschaften: den Stoffen. Ursula Niehaus machte sich nach dem Studium mit einem Stoffgeschäft selbständig.
Diese Leidenschaft überträgt sich auch auf das Buch: immer, wenn es darum geht Details aus der Seidenweberei zu schildern, blüht ihr Schreibstil richtig auf und man wird selbst vom Temperament überwältigt und hat das Verlangen sich selbst an einen Webstuhl zu setzten.
Doch leider weist der Roman meiner Meinung nach – wenn auch in der Unterzahl – neben solchen erzählerischen Höhepunkten auch den ein oder anderen Tiefpunkt auf.
Es war schade, dass Personen, die man gern gewonnen hat sterben. Ok, im Prinzip nichts besonderes, aber dennoch war es schade, das der Tod mit ein bis zwei Sätzen auch schon wieder abgehackt war. Zwischenzeitlich hatte ich ebenfalls das Gefühl, dass versucht wurde möglichst viel in eine kleine Seitenzahl zu packen. Es wirkte dann gehetzt und und halbherzig. Ein paar Ereignisse weniger und dafür eine bessere Auseinandersetzung mit den anderen wäre vermutlich schöner gewesen.

Insgesamt ist Ursula Niehaus dennoch mit ihrem Debutroman ein Buch gelungen, dass sehr gut recherchiert ist und das trotz kleiner Fehler – oder vielleicht auch gerade deswegen – einen unglaublichen Charme ausstrahlt.
Wer einen Roman sucht, der einen in eine andere Welt abtauchen lässt und mit dem man ein paar schöne Stunden erleben kann, ist mit diesem Buch genau an der richtigen Stelle.

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